Sicherlich gibt es ohnehin eine Grundmotivation, wenn man sechs Monate auf ein konkretes Event hintrainiert. Nichtsdestotrotz sind Anstrengung und Müdigkeit ein starker Gegenpol. Ich bin froh, die Tour zusammen mit einem guten Freund gefahren zu sein, da man sich in solchen Momenten wieder gegenseitig motivieren kann. Wir hatten beide unsere Momente, vor allem zwischen Bozen (5:30 Uhr) und Trento (8:00 Uhr). Ich bin mir nicht sicher, ob wir es alleine durchgezogen hätten.
Trotzdem ist es meiner Meinung nach nicht verkehrt, sich vor der Tour noch mal seiner eigenen Motivation bewusst zu werden. Warum tue ich das? Bei mir war es relativ einfach: Nach meiner Operation im Januar wollte ich mir beweisen, dass so was (noch) geht. Dazu kommt die Tatsache, dass sonst all die Trainingseinheiten und Vorbereitungen umsonst gewesen wären und der einmalige Slot (siehe Aufenthalt und Rücktransfer) in dieser Form nicht noch einmal kommt.
Pausenstrategie
Wir haben uns darauf geeinigt, nach jeweils 50 km eine Pause zu machen. Wichtig ist bei einer solchen Distanz, niemals in den Bereich zu gelangen, wo die Kohlenhydratereserven aufgebraucht werden (Hungerast). In Kombination mit Erschöpfung und Müdigkeit kann das das Ende der Tour bedeuten, weil man nur schwierig aus dem Modus wieder rauskommt.
Um bei diesem Punkt auf der absolut sicheren Seite zu sein, haben wir uns entschlossen, lieber einmal mehr als zu wenig Pause zu machen. Bei 390 km bedeutet das ca. 7 Pausen – eine längere Pause (ca. 1 h) vor der Nacht, die anderen nach Möglichkeit nicht länger als 15 Minuten.
Nicht in jeder Pause wurde etwas Großes gegessen. Mal wurde die Zeit für Veränderungen an der Bekleidung genutzt, mal nur ein Riegel gegessen. In jedem Fall aber haben wir uns kurz miteinander verständigt: Wie es beim anderen aussieht, und was auf den nächsten 50 km zu erwarten ist.
Verpflegungsstrategie
Die Strategie zur Nahrungsaufnahme ist sehr stark davon abhängig, um wie viel Uhr gestartet wird. In unserem Fall, 14:00 Uhr ab München, bedeutet das: ca. 19:30 Uhr Schwaz im Inntal, ca. 00:00 Uhr Brenner, ca. 5:00 Uhr Bozen, ca. 7:30 Uhr Trento (theoretisch). Da wir uns für die Alte Römerstraße entschieden haben, bedeutete das, dass es zwischen Innsbruck und dem Trentino praktisch keine Möglichkeit der Einkehr gab – selbst Tankstellen mit kleinen SB-Shops hatten nicht geöffnet.
Um uns eine gewisse Flexibilität für den Abfahrtszeitpunkt offen zu halten, haben wir uns entschieden, dass jeder für sich genug Verpflegung dabei hat, um die Tour notfalls völlig autark zu fahren. Ich selbst habe mir als Hauptnahrung vier Beutel Nudeln mit Bolognesesauce vorbereitet, jeweils 400 Gramm.



Meine Nahrungspackliste
- 6× PowerBar Ride Energy Riegel (Peanut Caramel / 55g)
- 3× PowerBar Power Gel Hydro (Orange / 67g)
- 4× Nudel-Bolognese-Sack (400g)
- 4× Bananen (120g)
- Seeberger Nuts’n Berries (150g)
- Snickers (57g)
- PowerBar Caffeine Boost (25g)
Das bedeutet, zu Anfang der Tour hatte ich ca. 2,8 kg Nahrung im Rucksack. In Schwaz habe ich eine Fritattensuppe und ein Toast Hawaii zu mir genommen, da ich ein richtig großes, fettiges Essen vermeiden wollte. Übriggeblieben am Ende der Tour waren ein Beutel Nudeln, ein Power-Gel, ein Ride-Energy-Riegel und die Seeberger Nüsse.
Wer die Tour mit ähnlicher „Selbstversorgerstrategie“ fahren will, dem empfehle ich, schon bei den Übungsrunden mit schweren Rucksäcken zu fahren. Das Gewicht Nahrung + Rest ist definitiv nicht zu unterschätzen. Man muss sich auch nichts vormachen: mitten in der Nacht kalte Nudel-Bolognese aus der Tüte zu spachteln, hat nichts mit Genuss zu tun.
Trinken
Jeder von uns hatte zwei 0,75-Liter-Fahrradflaschen am Rahmen, die wir problemlos bis Schwaz immer wieder auffüllen konnten. Schon mit dem Wissen, dass es zwischen Auffahrt Brenner und Bozen nicht möglich sein wird, weitere Getränke zu kaufen, habe ich mir am Achensee eine 0,5-Liter-Flasche Cola gekauft, die zunächst im Rucksack verschwand.
Abwechselnd habe ich immer eine der beiden Trinkflaschen mit einer Tablette PowerBar 5 Electrolytes – Pink Grapefruit gespickt. Auch wenn wir verhältnismäßig kühles Wetter hatten, haben wir zwei Brunnen genutzt, um unsere Flaschen aufzufüllen.


Auf dem Etschtalradweg ab Bozen, solange er noch in Südtirol verläuft, gibt es immer wieder Wasserstellen an den Radraststellen. Mit dem Übertritt ins Trentino hören diese abrupt auf (Stand 2019).
Am mentalen Tiefpunkt der Tour, ca. 6:30 Uhr auf Höhe von Auer (Südtirol), habe ich Gebrauch von dem Koffein-Shot gemacht. Ich muss sagen, dass ich diesen deutlich gemerkt habe und er mich auch spürbar aus dem Müdigkeitstief geholt hat. Geschmeckt hat er allerdings grauenhaft.
Zucker
Wir haben sehr bewusst versucht, auf stark glukosehaltige Getränke und Nahrungsmittel so lange wie möglich zu verzichten. Wir hatten zu viel Respekt davor, wenn es nach stark zuckerhaltigen Nahrungsmitteln wieder nach unten geht und nur mit weiterem Zucker auszugleichen ist. Deshalb haben wir durchgängig für einen ausgeglichenen Kohlenhydrat-Haushalt auf Basis von Nudel-Bolognese + Banane + Riegel gesorgt.
Letztendlich habe ich vor der Brennerauffahrt und vor der Auffahrt nach Nago (Gardasee) jeweils ein Gel zu mir genommen. Am Brenner-Grenzübergang vor der Abfahrt eine 0,5-Liter-Flasche Cola und ein Snickers – eher eine mentale Belohnung nach dem letzten großen Anstieg der Tour.
Die Zuckerstrategie muss jeder für sich selbst entscheiden, es empfiehlt sich aber, auf den Übungstouren damit zu experimentieren. Wer früh mit Glukose anfängt, sollte auch genug mithaben, damit es bis zum Ende reicht – vor allem aber immer genug dazu trinken.